Das kleine Eichhörnchen blickte verschlafen aus der geräumigen Baumhöhle, wo es sich für ein Nickerchen hingelegt hatte. Es rieb sich den Schlaf und die Träume mit seinem buschigen aber weichen Schwanz aus den Augen und blickte über das Tal. Dort hinten konnte man den einzigartigen Garten der Zigeunerin sehen, bei der er lebte. Am tiefsten Punkt des grünen Tales lag ihr wundersames Haus, das schon einige Berühmtheit in der Gegend erlangt hatte. Denn es war aus nur einer riesigen und uralten Eiche gemacht. Überall an diesem Häuschen sah man die sondersam gewundenen Wurzeln, die innen sogar als Einrichtung dienten. Die besondere Eiche mit ihren Baumhöhlen war wie für eine menschliche Behausung gemacht. Die kreative Zigeunerin hatte das sofort erkannt, als sie bei einem Kräuterspaziergang durch das Tal vor diesem Baumhünen gestanden hatte. Damals hatte das Eichhörnchen auf ihrer Schulter gesessen und gesagt: „Von so einem Baum erzählen sich die Eichhörnchen schon seit vielen Generationen, aber ich habe noch nie eines getroffen, das auch mit eigenen Augen so einen Baum gesehen hätte.“
Da die Zigeunerin genauso beeindruckt war wie ihr kleiner Begleiter, rief sie ihre Freunde zusammen, um die Eiche zu einem wohnlichen Zuhause für sich zu machen. Der Bär, der Fuchs, der Igel und die Nachtigall kamen alle und gemeinsam erschufen sie ihr Hexenhäuschen, wie es danach gemeinhin im Tal genannt wurde. Als der Sommer kam, begann der Garten vor der Tür zu leben und von wilden Orchideen zu erblühen, die es nirgendwo sonst auf der Welt gab. Als die neue Hausbewohnerin dies sah, hätte ihr das Herz vor Freude zerspringen können. Ganz so, als spüre sie die Freude aller Geschöpfe, die in diesem Moment eine wunderbare Erfahrung machten, gleichzeitig. Die Orchideen waren so zart wie filigrane Schmetterlingsflügel, so dass sie zerfielen, wenn man sie nur berührte. Und wenn man ihnen an einem heißen Sommertag Wasser gab, erzählten einem die Orchideen Fabeln, die wie aus weit entfernten Träumen gemacht waren. Doch im Herbst kam der frische Wind auf wie jedes Jahr und pfiff schonungslos ins Tal hinein, so dass die magischen Blumen zu Feenstaub zerfielen. Der Bewunderin der Blumen in ihrem Garten wurde ganz schwer ums Herz. Ihre Freundin die Nachtigall sang das schönste Lied für sie, das sie vermochte, aber auch das linderte ihr Leiden nicht.
Da ging das kräuterkundige Eichhörnchen in den Wald und suchte nach frischer Bergamotte und Mutterkraut. Als es nach drei Wochen wiederkam, saß die traurige Frau immernoch auf der großen Wurzel vor ihrer Haustür mit vor Schmerz verschleiertem Blick. Sie trank den Tee aus den beiden Kräutern nur ungern, doch ihr flinker Tierfreund schob die Tasse so zu ihrem Mund, dass die Flüssigkeit hineinlief. In dem Moment erinnerte sie sich an eine Fabel der Orchideen, die vom Geborenwerden, Vergehen und der Quelle des Seins erzählte. Und sie erkannte dass die zarten Blumenwesen von sich selbst gesprochen hatten. Da wurde ihr Herz leicht, als würde sich ein Stein von ihrer Brust lösen. Auf einmal fiel ihr auf, wie steif ihre Glieder vom Sitzen geworden waren. Und sie bekam Lust sich zu bewegen. Als ihr Blick noch dazu wieder klar wurde, fiel er auf ihren Wildgarten, der nur noch aus glitzerndem Kristallstaub zu bestehen schien. Sie erhob sich von der natürlichen Wurzelbank und pustete in Richtung des funkelnden Teppichs, der den Boden bedeckte. Die Pollen schwebten sogleich hoch in die Luft und tanzten dort herum wie kleine Glühwürmchen. Die größte von ihnen schwebte dabei auf sie zu und fing unvermutet an zu singen. Es war der elfenhafteste Gesang, den sie je vernommen hatte. Gerade wollte auch sie anfangen zu tanzen, da kam ein Wind auf und nahm alle kleinen Tänzer mit sich in die Höhe. Einen Moment lang klang der Gesang in ihr nach, doch dann wurde es still. Sie merkte, dass ihr wieder schwer ums Herz wurde, aber diesmal verschleierte sich ihr Blick nicht. Das Eichhörnchen lächelte sie wissend an.
Und im nächsten Sommer waren die seltenen Orchideen wie von magischer Hand wieder vor ihrer Tür. Und an heißen Sommerabenden erzählten sie ihr fabelhafte Geschichten, die wie aus Träumen gewoben waren.