„Hast Du auch schonmal gedacht, dass ein bereits vergebener verheirateter Mann Dein Seelenverwandter ist?“
Es begab sich dass die große Königin der Löwen ihren Gemahl verlor. Es war nicht so, dass er verstorben wäre, sondern vielmehr so, dass es ihn innerlich mit großem Drang in ein fernes Land zog. Er ging einfach fort, ohne sich noch einmal zu seiner Königin umzudrehen. Denn etwas in ihm sprach zu ihm, darüber dass er etwas Unverzichtbares verloren hätte, und dass er es jenseits der großen Berge wiederfinden würde. Die Königin der Löwen stellte sich ihrem Gemahl nicht in den Weg, als dieser dem inneren Ruf nach vergangener Kostbarkeit folgte und loszog. Sie wusste dass sie ihn nie wieder sehen würde.
Eine Zeit lang lag sie im Kummer über den Verlust nur im Schatten der Urwaldbäume. Der Weg zur Wasserstelle schien ihr endlos weit und sie wusste nicht immer, warum sie überhaupt noch aufstehen sollte. Manches Mal waren es nur die Papageien in den Urwaldbäumen über ihr, die ihr zuriefen, sie möge ohne den langjährigen König weitermachen. Die Papageien sprachen zu ihr davon, dass noch wichtige Aufgaben vor ihr lägen. Sie hätten es auf ihren langen Wegen durch die Lüfte in anderen Ländern gehört und wollten sie nun ermutigen. Die Königin liebte die farbenfrohen neugierigen Luftakrobaten. Und als ein besonders Kesser unter ihnen den Mut hatte mit einem Purzelbaum auf ihrem Rücken zu landen, musste sie einfach beherzt trotz ihres Verlusts weitermachen.
Sie ging wieder jagen und gesellte sich auch zu anderen ihrer Art, wenn diese beieinander lagen. Eines Abends als sie sich einen ruhigen Platz zum Schlafen suchen wollte, rief sie dieselbe innere Stimme, die den Gemahl hinfort gerufen hatte. Sie folgte dieser Eingebung, die sie zu einem mondbeschienenen Platz im Dschungel führte. Sie war irritiert, weil viele Tiere hier versammelt waren und sie wusste nicht mehr, was sie eigentlich hierher geführt hatte. Irritiert wandelte sie von einem Tier zum nächsten und wollte sich schon zur Rückkehr abwenden, als sie direkt in einen imposanten Stier hineinlief. Diese beiden Tiere hatten miteinander nicht viel gemein, da beide die Macht im Tierreich inne hatten. Und meistens führten Aufeinandertreffen bloß dazu, dass keiner der beiden prächtigen Tiere als Sieger vom Platz ging. So waren diese zwei enorm überrascht, als sie einander in die Augen blickten. Denn noch bevor der Moment des Denkens wieder einsetzte wussten beide, dass sie etwas Magisches erlebten. Dass etwas Einzigartiges geschehen war. Sie fielen ineinander hinein und verloren sich dabei in einer Art und Weise, dass sie beide als sie selbst in ihrer wahren Größe wieder auferstanden. Der Mond schien in dem Moment ihrer inneren Gestaltwandlung heller als je zuvor.
In dieser neuen Größe wussten sie auf einmal, dass es keine Machtkämpfe zu geben brauchte und beide gleichermaßen als edle Gewinner vom Mondplatz gehen konnten. Die Königin der Löwen vergaß, dass sie den geliebten Gemahl und langjährigen Weggefährten verloren hatte. Es erwachte neue Kraft in ihr und sie nahm einen jungen lebendigen Löwen aus dem Rudel zum Gefährten, dessen Augen sie wie Sterne anstrahlten.
Der Stier jedoch kehrte beseelt zu seiner Frau in seine Heimat zurück. Er erzählte ihr nicht von der Mondennacht im Reich der Löwen. Doch gab er ihr den Sternenstaub, den er in dieser Nacht von der Königin geschenkt bekommen hatte. Die Königin gewann durch den neugierigen verspielten jungen Löwen, der sie zutiefst verehrte, neue Kraft. Und mit dieser Kraft schickte sie einen Teil des Sternenstaubes zu ihrem ehemaligen Gemahl über die hohen Berge, so dass seine Suche nach dem, was er an Kostbarkeit verloren hatte, dort gesegnet sein möge. Sie selbst fand jene Kostbarkeit ohne auf Reisen zu gehen in ihrem eigenen Königreich. Und man sah fortan oft die bunten Papageien an ihrer Seite, denen sie für ihren weisen Weitblick dankbar war.
Und in jeder hellen sternenklaren Nacht schickte sie ihrem Mondenstier heimlich Sternenstaub, von dem sie hoffte, dass er ihn an sie erinnern möge. Und er den magischen Staub mit seiner eigenen Gemahlin teilen möge – so wie sie es mit dem ihrem tat, selbst wenn dieser für immer in der Ferne hinter den hohen Bergen auf der Suche war.
„Verheiratete Männer sind nicht wirklich unsere Seelenverwandte, weil sie nicht verfügbar sind. Sie gehören zu einer anderen Frau und nicht zu uns.“
