Die edle Elfenkönigin und das Rotkehlchen
In einem Königreich im Westen des Landes hielt eine edle magische Elfenkönigin ein zahmes junges Rotkehlchen in ihrem herrlichen Garten. Ihr kleines neugieriges Vögelchen begab sich trällernd an einem sonnigen Herbsttag auf einen unschuldigen Flug in die Ferne. Es durchquerte neugierig doch unbedacht mehrere Königreiche. Als es gerade verspielt nach gleichaltrigen Kameraden Ausschau hielt, spürte der junge Vogel auf einmal ein Brennen im Auge und einen Stich in seinem kleinen Vogelherzen. Da er nicht wusste, was genau geschehen war, flog er bald weiter. Da er keinen feindlichen Greifvogel in seiner Nähe erspähen konnte, konnte er sich keinen Reim auf dieses Ereignis machen. „Was war das nur?“, dachte er verwirrt, als die Schmerzen abgeklungen waren. Da er nun Hunger bekam, machte er sich auf dem Boden auf die Suche nach Würmern und beim Scharren vergaß er völlig, was zuvor Seltsames geschehen war. Nachdem das Rotkehlchen nun gegessen hatte, hatte es keine Lust mehr fröhlich beherzt zu trällern. Es wurde ganz grau im Federkleid und machte seinem Namen keine Ehre mehr. Auch fing es an, andere kleine Vögel zu kratzen und nach ihnen zu hacken, wenn sie ihm zufällig auf dem Boden beim Scharren begegneten. Andere Vögel erschienen nunmehr in seinen Augen lästig und farblos zu sein. Er vergaß auch den herrlichen Heimatgarten und seine gütige hohe Dame daheim.
Es begab sich, dass die Königin zum Schutz aller Länder einen Bussard hielt. Dieser flog während einer Patrouille am höchsten Punkt des Himmels nahe bei den Wolken und er rüttelte hoch droben in den Lüften, als würde er im Winde stillstehen. Mit seiner besonderen Beobachtungsgabe vermochte er auch tiefere Schichten der Welt zu erfassen. So sah der Bussard von oben was geschehen war.
Der große Spiegel der Unterwelt war in zigtausend winzigste Scherben zersprungen. Der König der Unterwelt lachte darüber und sagte: „Fliegt nur und verteilt Euch in der Luft. Fliegt über die ganze Welt hinweg und seid unsichtbar für jedes Auge.“ Der Unterweltenkönig pustet nun aus Leibeskräften und die Splitter seines düsteren Spiegels stoben auseinander. Zwei dieser Splitter hatte unser Rotkehlchen sich im unschuldigen Flug eingefangen. Einen im Auge und einen im Herzen. Der aufmerksame Bussard mit Aufklärungsmission machte sich nach seiner Entdeckung direkt auf den Weg ins westliche Königreich. Als die edle magische Königin von diesem Unglück erfuhr war sie bekümmert, denn sie liebte den fröhlich trällernden kleinen Vogel. Da sie eine magische Elfin war, konnte sie ihre Gestalt in eine mächtige Löwin verwandeln.
Als Königskatze durchquerte sie in riesigen Sätzen mehrere Königreiche. Der Bussard, der rüttelnd in den Lüften zu stehen vermochte, diente ihr dabei als Nordstern und wies ihr den Weg von hoch oben. Als er das Rotkehlchen auf einem kargen und viel zu trockenen Boden nach Würmern suchend vorfand, gab er ihr ein Zeichen. Als ihr Herz die graue und federarme Erscheinung sah, stiegen ihr die Tränen in die Augen. Die salzigen Tränen fielen auf das Rotkehlchen hinab. Es erkannte seine Dame nicht, weil er die Löwengestalt von ihr nicht gewohnt war. Doch als eine ihrer Tränen sein Auge benetzte, quoll der Splitter heraus und der kleine Vogel konnte auf einmal erkennen wer diese verwandelte Königskatze wirklich war. Als die zweite Träne sein Herz benetzte konnte er auf einmal fühlen wie sehr er die löwische Königin und den Heimatgarten vermisst hatte. Auch der Splitter, der im Herzen festgesteckt hatte, war herausgequollen. Die edle Löwin nickte dem Bussard am Himmel dankbar zu. Dann nahm sie den kleinen Vogel, der nun wieder eine schöne rote Kehle hatte, auf ihre Schulter. Der Bussard führte das seltsam anmutende Tierpaar wie ein leitender Stern zurück ins Königreich des Westens. Dort nahm die löwische Königin wieder ihre eigentliche Gestalt an.
Dann sprach sie zu dem kleinen Ausreißer: „Kleiner Fernflieger, gib von nun an immer gut acht, dass Du keinen Splitter mehr in Dein Auge oder Dein Herz bekommst. Sie fliegen überall herum und Du musst achtsam sein.“ Der Gerettete sollte diese Lehre tatsächlich nie mehr vergessen. Er lernte die schwirrenden Splitter in der Luft zu entdecken und entwickeltemeisterliches Geschick, ihnen im Flug auszuweichen. Jedem anderen Vogel, den er von da an auf seinen Wegen traf, erzählte er seine Geschichte und vermittelte die Gabe, die Splitter zu enttarnen. Seine Augen blickten von nun an nur noch wach und kristallklar auf die Welt, die ihn umgab. Sein Herz blieb rein und vergaß nie mehr, wo seine Heimat war. Daniela Pieper, 13.10.2017