Er hüpfte durch nasses Laub in Richtung des Hügels, den alle Tiere hier nur den grauen Buckel nannten. Den Weiher, in dem er mit einem Seepferdchen wohnte, hatte er schon einen halben Tagesmarsch hinter sich gelassen. Als er so von einem zum anderen Laubblatt hüpfte, begegnete ihm ein weißes Pferd, das wie aus dem Nichts auftauchte und ganz plötzlich mitten auf dem Weg stand. „Laubfrosch, wohin des Weges?“ Der Kleine erschrak, denn er war ganz in seine Gedanken versunken und von unten aus sah das Maul des Pferdes einfach riesengroß aus, als es sprach. „Oh Du kannst sprechen. Guten Tag, weißes Ross. Ich will auf den Hügel hinauf, denn ich habe geträumt, von dort oben aus kann ich die ganze Welt überblicken. In meinen Träumen konnte ich einfach alles sehen und nichts blieb mir mehr verborgen. Das ist jetzt das Ziel. Und obwohl mich mein Freund, das Seepferdchen, vor dem langen Weg gewarnt hat, bin ich auf der Reise.“ „Glaubst Du wirklich, dass Du von da oben aus die ganze Welt überschauen kannst, kleiner Frosch?“ fragte die Stute und sie schaute ihn aus so überaus klugen Augen an, dass der Frosch einen Moment lang ganz perplex war. „Es ist der höchste Punkt, den ich sehen kann und ich habe mich noch nie so hoch hinaus und weit weg gewagt. Es muss die große weite Welt zu sehen sein, wenn man erstmal oben auf dem grauen Buckel steht.“ Das kluge Pferd lächelte nur weise und freundlich und sagte nichts dazu. Der Frosch indes wunderte sich, denn er nahm an, dass es mehr dazu hätte sagen können – bei diesen wissenden Augen. Sie sahen aus, als hätten sie schon alles gesehen und wüssten auf die wichtigen Fragen dieser Welt eine Antwort. Also sah er in ihnen genau das, was auch sein eigener Herzenswunsch war.
Als er schließlich weiterhüpfte, weil er ja die Welt sehen wollte, überkam ihn ein seltsames Gefühl und er schaute sich noch einmal nach dem edlen weißen Tier um. Da schien es ihm, als sähe er ein langes goldenes Horn auf seiner Stirn aufblitzen, aber da die Sonne so durchs Blattwerk fiel, dass die Schatten nur so tanzten, musste er zwinkern. Als er das Tier noch einmal ansah, war es nur ein weißes Pferd, das davontrabte. So trat er seine Reise weiter an und ließ bald das feuchte Laub hinter sich. Es wurde unbequemer für ihn, denn seine kleinen Froschfüße waren nicht an Steine und Sand gewöhnt, obwohl er mit ihnen sehr gut klettern und sich festhalten konnte. Aber er wollte partout nicht umkehren. Fest hatte er den grauen Buckel im Blick und er meinte auch, dass er ihm ein Stückchen näher gekommen sei, denn er sah jetzt größer aus als noch am Morgen. Als es dämmerte und schließlich dunkel wurde und man die Sterne sehen konnte, begegnete ihm ein Wesen, das halb Mensch und halb Pferd war. Erst erschreckte ihn der nächtliche Umriß dieses Wesens, denn er hatte so etwas Ungewöhnliches noch nie gesehen. Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten und den Zentaurus genauer erkennen konnten, verwandelte dieser plötzlich seine äußere Erscheinung. Er wurde ganz und gar wie aus Glas. „Warum hast Du Dich verwandelt?“ wollte der kleine Reisende von ihm wissen. Der gläserne Pferdemensch wendete sich ihm elegant zu und sprach mit einer tief klingenden Stimme. „Ich habe geträumt, dass ein Suchender kommen wird, der die ganze Welt zu sehen begehrt.“ „Das bin ich.“ „ Nun – meine transparente Erscheinung soll Dir bei Deinem Begehr helfen, denn nun kannst Du durch mich hindurchsehen.“ Der Frosch musste seinen Kopf in den Nacken legen, um den ganzen gläsernen Körper ins Auge zu fassen. Seine Augen erblicken zuerst die Hufe, dann die vier Pferdebeine und zuletzt den menschlichen Torso eines muskulösen Mannes. Da bemerkte er etwas Seltsames. Es war auf einmal, als könnte er all seine inneren Geheimnisse in dem Glas sehen. Das irritierte ihn. Nein, mehr als das, es machte ihm Angst. Und ohne sich freundlich zu verabschieden, hüpfte er schnell weiter, den Blick fest auf den Weg vor ihm gerichtet. Der Zentaurus rief ihm noch nach: „Wovor läufst Du weg, kleiner Laubfrosch?“ doch er erhielt keine Antwort. Ohnehin wusste dieser ganz genau, was geschehen war. Und gleichmütig verwandelte er sich wieder zurück in seine natürliche Gestalt. Der grüne Hüpfer aus dem Weiher war schon zu weit weg, um all das noch zu bemerken. Diesmal drehte er sich auch nicht um, obwohl er wieder das seltsame Gefühl bekam. Sonst hätte er sicher staunend gesehen, wie das Pferde-Mensch-Wesen sich in ein strahlendes Sternenbild verwandelte.
Er merkte nur, wie sich vor ihm der Weg erhellte. Seine Beine lahmten schon von der ungewohnt langen Strecke, aber er setzte stur einen Hüpfer vor den anderen. Durch die gute Sternensicht hatte er alsbald den Fuß des grauen Buckels erreicht und fand einen hohlen Baumstamm. Da dieser innen bemoost war, legte er sich dort bequem schlafen. Als er morgens aufwachte, erinnerte er sich wage an eine Fabel aus seinen Träumen und er wusste, dass darin eine Botschaft enthalten war. Doch dann trällerte eine Nachtigall und er vergaß ganz plötzlich, was er geträumt hatte. Und auch die Botschaft wurde mit dem Gesang des Vogels fortgeweht. „Ich muss weiter, denn ich schaffe es noch heute auf den Hügel, wenn ich sofort aufbreche.“ Ohne etwas im Magen marschierte er los, denn für das Fliegenfangen brauchte man Geduld und Ausdauer. Und dafür war jetzt keine Zeit, schließlich wollte er dringend an sein Ziel. Er musste bergauf und das war anstrengend. Nach nur zehn Hüpfern musste er immer eine kleine Pause machen und hätte er Poren gehabt, dann hätte er auch geschwitzt. Als er sah, dass er nur noch Hundert Hüpfer vor sich hatte, ließ er alle Pausen weg und nahm den ganzen Weg in eins. Völlig erschöpft und am Ende seiner Kräfte erreichte er aufgeregt das Plateau und atmete scharf ein.
Er hielt die Luft an, als er den Blick gleiten ließ. Das ganze Tal lag vor ihm, doch alles war aus Glas, sogar der Weiher, aus dem er stammte. Denn er konnte ihn weit hinten ausmachen und er erkannte ihn deshalb wieder, weil ihn zwei Trauerweiden säumten. Auch die Weiden waren gläsern, ebenso wie der Baumstamm am Fuße des Hügels, in dem er geschlafen hatte. In der kristallklaren Umgebung um sich herum sah er nun nicht wie erhofft die Welt, sondern all seine innersten Geheimnisse, egal wo er hinblickte. Gern wäre er mit nur einem Satz von hier verschwunden, aber es gab ja nichts, wohin er hätte gehen können. Es gab kein Ziel mehr, denn er hatte seins ja nun erreicht. „Soll das die ganze Welt sein?“ rief er laut aus und vor Enttäuschung kullerte ihm eine Träne über das Gesicht, obwohl Frösche gar nicht weinen konnten. Doch das war ihm jetzt egal. Aber es war jetzt kein sprechendes kluges Pferd und auch kein Zentaurus mehr da. Er stand da oben ganz allein und niemand antwortete ihm. Er vermisste jetzt das Seepferdchen und weinend schlief er genau da ein, wo er war, denn sein Körper forderte nach all den Strapazen Schlaf ein.
Morgens zog ihm als erstes ein Stechen durch sein zartes Herz, als ihm die Erlebnisse vom Vortag wieder einfielen. Durch den Schmerz kurz betäubt, verfiel er für Sekunden zurück in den Zustand des Träumens. Und er hörte ein Flüstern aus seinem Inneren. „Schau genau hin und sieh nicht weg. Dies alles soll so sein!“ Grollend donnerte es, er schreckte hoch und merkte, dass sich dieser Morgen mit einem Gewitter ankündigte. „Es wird mir gut tun, wenn es regnet,“ dachte er und war gleich ganz wach. Denn Frösche haben es gern feucht muss man wissen. Gerade als er sich aufmachen wollte, den ganzen Weg zurückzukehren, erinnerte ihn eine feine Stimme an das Flüstern. Weil er ohnehin schon nichts mehr zu verlieren hatte, schaute er also genau ins Tal und seine Umgebung. Als würde sich sein Inneres überall spiegeln, blickten ihm all seine Geheimnisse und versteckten Wünsche entgegen. Als er dort auch die düstersten Gedanken aus seinem Inneren sah, wollte er sich abwenden und nach Hause laufen.
Doch da erinnerte ihn die feine Stimme wieder an das Flüstern. Also schaute er weiter hin, fühlte den Schrecken dabei, in seine eigenen Abgründe zu schauen. Vor Angst dachte er schon in diese Abgründe abzustürzen, doch während des Fallens milderte sich der Sturz. Und er landete weich wie auf dem Moos in dem Baumstamm. Und dann sah er es. Das ganze Tal fing an zu leuchten und zu schillern. Es erhob sich und vibrierte und auch er selbst funkelte und schwebte schwerelos in der Luft. Eine Sekunde des Glücks durchzuckte ihn, als würden alle fühlenden Wesen auf der Erde gleichzeitig den größten Moment ihres Lebens erleben. Und dann wurde alles wieder ganz schlicht. Der Buckel war grau wie sein Name, das Tal grün und unser Laubfrosch saß mit allen Vieren fest auf dem Boden. „Jetzt habe ich die ganze Welt gesehen!“ sagte er und summte das Lied der Nachtigall vom Morgen, während er den Hügel hinabstieg. Als er auf der Mitte des Heimweges den gläsernen Zentaurus traf, hatte er keine Angst mehr. Er sah ihn direkt an und als in dem Glaskörper ein Einhorn auftauchte, seufzte er nur. Lächelnd ging er weiter, denn er wollte gern dem Seepferdchen von all dem hier erzählen.