„Soll ich gehen? Ich bin müde, nein, ich gehe nicht, denn dort draußen wartet nichts auf mich.“ Aus der Ferne ein Flüstern: „Auf -du kannst nicht bleiben, wo du bist.“ Wie von hauchdünnen Fäden eines unsichtbaren Puppenspielers gezogen bricht sie auf in die trostlose maskierte Nacht. Träge setzt sie einen Schritt vor den anderen. Eine fremde Stimme ruft ihr hinterher: „Bleib stehen!“ Doch sie dreht sich nicht um. Sie wandert durch das kühle Dunkel der Nacht, während lange okkulte Schatten an ihr vorüberziehen. Eine Tür wird geöffnet. Im grellen Licht um sie herum bewegen sich Schatten; sie einer von ihnen, doch anders als sie. Leere Augen blicken in leere Augen und bemerken einander gar nicht. Es erscheint als Zombiapokalypse. Ein Wiedersehen, das nicht wiederholt werden wird, da der Moment gleich Abschied ist. Glas zerschellt vor ihren Füßen und ruft sie auf weiterzuziehen.
Wie an einer Schnur gezogen weg von der leeren Abschiedsszene. Es gibt ein Ziel, das ihr fremd und gleichzeitig vertraut erscheint. Jenseits von Verstehen folgt sie ohne Umwege. Jemand oder etwas ergreift sie, hüllt sie ein, verführt sie forsch und sie lässt gewähren. Doch dann dreht sich der Wind, die Musik setzt aus und sie entfernt sich sogleich von der Verführung. Den Rücken wendet sie ihr zu und geht einige Schritte ins nichts hinein. Die Musik erklingt wieder und Augen treffen die ihren, sehen, verstehen, wissen – doch sie weiß nichts. Ein weiteres mal lässt sie gewähren und wird direkt vom Boden aufgehoben und mit Leichtigkeit getragen.
Dass sie zuvor gefallen ist, entgeht ihr dabei. Denn sie denkt nicht und wird auch nicht von den Gedanken gedacht. Sie wird als Note in einem Freiheits- und Widerstandslied gespielt, die Klänge hallen in ihr wider, sie bricht ab, schüttelt den Kopf, wundert sich. Sogleich spürt sie den Klangteppich vibrierend unter ihren Füßen. Es erinnert sie an etwas lang Verlorenes und Vertrautes.
Waren sie zuvor schon einmal gemeinsam hier? Sie haben es beide vergessen. Doch kennen sie das eine Lied, obwohl beide es noch nie gehört haben. Der Raum dehnt sich in diesem ewigen Augenblick um sie herum aus und die Zeit weitet sich. Es ist nicht 2021, es ist ewig und ward schon immer. Sie verschränken ihre Finger ineinander, als hätten sie dies schon so in dem Leben vor diesem Leben getan. Als die Hände sich schließlich voneinander lösen, wallt brennender Schmerz auf wie zehrende diabolische Flammen. Sie jedoch bleiben in Anmut stehen, ohne sich vor dem Verbrennen auf dem okkulten Scheiterhaufen zu fürchten. Ihr Blick ist nicht auf das lodernden Feuer gerichtet, sondern auf den seinen, den Blick des Patrioten. Als sie beide bemerken, dass sie hinabgleiten, ist das Feuer zu Asche zerfallen, die sie nicht mehr verzehren kann. Beide Patrioten sinken hinab auf einen Grund, vom dem sie vorher nichts gewusst haben.
Dort stehen sie gemeinsam in dem kühlen klaren Wasser und halten einander unmaskiert fest. Sie frieren jetzt nicht mehr. Dass ihnen so bitter kalt gewesen ist, ist jetzt und hier vergessen. Weder okkulte Flammen noch zionistische Eiseskälte können ihnen auf diesem Grund, auf dem sie verschlungen stehen, etwas anhaben. Sie sind wie zerschelltes Glas in Flammen.
Daniela Pieper.
